Blogkritik: Das Amazon-Logistikblog

Amazon hat ein deutschsprachiges Blog gestartet. Das Amazon Logistikblog (Name ist nur der URL zu entnehmen) gibt es offenbar schon seit August 2013. Der erste wirkliche Blogbeitrag wurde aber erst kurz vor Weihnachten veröffentlicht. Ich habe mir das Blog einmal näher angesehen.

Wir alle wissen: Seit Monaten weht Amazon der Wind im deutschen Markt verdammt hart ins Gesicht. Auch wenn diese Tatsache dem Umsatz bisher scheinbar nicht geschadet hat, könnte die anhaltende negative Publicity die Marke hierzulande langfristig ernsthaft beschädigen, wie Ethority ganz richtig feststellt.

Im Prinzip ist es also keine schlechte Idee, ein Firmen-Blog zu starten. Ein Blog ist ein schnelles, aktuelles Online-Medium mit eingebautem Rückkanal. Ein gutes Firmen-Blog erlaubt im besten Fall interessante und erhellende Einblicke in das Unternehmen, seine Produkte und seine Kultur. Auf dem neuen Amazon Blog stehen aktuelle Nachrichten und Hintergrundberichte aus den deutschen Logistikzentren im Mittelpunkt, deren Arbeitsbedingungen stark in der Kritik stehen und die im Vorweihnachtsgeschäft teilweise von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi bestreikt wurden.

Problem mit der Glaubwürdigkeit

Aus Kommunikationssicht wäre es natürlich ideal, ein bereits erprobtes und etabliertes Unternehmens-Blog mit einer erfahrenen Redaktion in schwierigen Zeiten sozusagen  in ein schnelles und aktuelles Medium für die Krisenkommunikation umzufunktionieren. Das ging bei Amazon nicht. Aber warum hat sich das Unternehmen mit der generellen Entscheidung für ein Blog so viel Zeit gelassen?  Schließlich ging es mit den Problemen ja schon nach einem kritischen Fernsehbericht im Frühjahr 2013 los.

Damit sind wir auch schon nah dran am Dilemma, das Amazon mit dem neuen Blog hat. Das Unternehmen hat keine Gelegenheit gehabt, auf dem Blog so etwas wie einen Dialog mit der Öffentlichkeit und damit Glaubwürdigkeit aufzubauen. So bleibt nichts anderes übrig, als die Flucht nach vorne anzutreten und quasi aus dem Nichts Stimmen von verschiedenen Mitarbeitern bis hin zu Betriebsräten hervorzuzaubern, die vor laufender Kamera beteuern, dass sie gerne bei Amazon arbeiten. Das wirkt auf mich teilweise peinlich und aufgesetzt.

Vor allem aber machen viele Beiträge einen extrem defensiven und gleichzeitig beschönigenden Eindruck. Hier hat das Unternehmen kommunikativ noch einiges wettzumachen. Das geht auf einem Blog nur mit relevanten, mutigen und authentischen Inhalten und nicht mit Hurra-Meldungen, an die nur das Unternehmen selbst glaubt.

Amazon versteckt sich hinter anonymen Autoren

Die nächste Frage, die ich mir gestellt habe: Wer steckt eigentlich hinter dem Blog? Klar, Amazon. Aber Absender der Beiträge ist jeweils das ominöse “Amazon-Logistik-Team”. Hm, wer soll das sein? Wer ghostwrited hier stellvertretend für die Mitarbeiter? Ich würde den Blog-Machern auf jeden Fall dazu raten, mit Menschen als Autoren zu arbeiten, statt sich hinter einem anonymen Gruppen-Kürzel “Logistik-Team” zu verbergen.  Es gibt einige Mitarbeiter, die sich in den Videos namentlich zum Arbeitgeber Amazon bekennen. Dürfen/können sie nicht mit Foto und Namen zu ihren jeweiligen Themen bloggen? Kleiner Tipp: Profi-Trainings, Schulungen und Hilfestellungen für Corporate Blogger gibt es wie Sand am Meer! Man muss es nur wollen. 😉

Und wo finde ich auf dem Blog den/die Chefblogger/in von Amazon (CEO Deutschland oder zumindest Chef/in der Logistikzentren in Deutschland)? Diese/r hätte zumindest zur Begrüßung der Leser Farbe bekennen sollen, statt nur die Mitarbeiter vorzuschicken: Warum wurde dieses Blog gestartet, und was/wen will Amazon damit erreichen? Kommunikation ist Chefsache! Schließlich steckt das Unternehmen hierzulande in einer großen Kommunikationskrise. Schade, dass Amazon diese Chance (bis jetzt) nicht genutzt hat.

Kommentare? Das geht dann doch zu weit!

Daran schließt sich gleich meine nächste Frage an: Wer soll mit diesem Blog eigentlich angesprochen werden? “Die Öffentlichkeit”? Die Kunden, die Mitarbeiter, die Gewerkschaft? Oder alle zusammen? Schwer zu sagen. Eine kurze Blogbeschreibung, neudeutsch “Mission Statement”, auf Basis der Kommunikationsstrategie für das Blog, würde hier weiterhelfen. Immerhin verrät der Begrüßungsbeitrag vom August einige Motive für den neuen “Internetauftritt”.

Last but not least : Von einer Kommentarfunktion fehlt auf dem Blog leider jede Spur. Nur ein paar einsame Icons für Social Sharing stehen verloren unter den Beiträgen. Die Sache ist nur: Ein Blog ohne Kommentare ist kein Blog, sondern eine Website wie jede andere. Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass? Hier hat das Unternehmen offenbar schon im Vorfeld ganz kalte Füße bekommen…

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