Operative Hektik bei geistiger Windstille

“Das ist doch operative Hektik bei geistiger Windstille!” Allein für diesen regelmäßigen Ausruf musste man meinen Ex-Chef schon liebhaben (oder zumindest respektieren). Er hatte noch mehr solche Sprüche auf Lager. Fragte das Team ihn beispielsweise, wie das Management-Meeting heute gelaufen war, antwortete er fast immer: “Das wollt ihr nicht wissen. Das ist nicht jugendfrei”. Sehr beliebt war auch der Zusatz: “Sonst haben wir nichts gekonnt”. Beispiel: “Das Event muss dieses spezielle Etwas haben – sonst haben wir nichts gekonnt!”

Manchmal kam mein Ex-Chef um halb sechs (spät für seine Verhältnisse!) in mein Büro. Wenn ich dann noch da war, fragte er: “Hast du kein Zuhause oder was?” Jaja, die gute alte Zeit! Heutzutage werden ja viele eher gefragt, ob sie einen halben Tag Urlaub nehmen, wenn sie um diese Zeit das Büro verlassen. Tipp: Dieser Spruch hilft dann (fast) immer: “Ich logg mich später wieder ein.” 😉

Eilig, asap, jetzt oder nie!

Aber ich schweife ab! Zurück zur operativen Hektik bei geistiger Windstille. Ich behaupte: Das ist ein Thema, das alle angeht, die in Unternehmen arbeiten – oder die Unternehmen zuarbeiten. Also uns alle! Auf jeden Fall aber die, die in der Kommunikation arbeiten. Ihr kennt das doch auch: Da werden vermeintlich unverrückbare Termine und Deadlines für Projekte per ordre de mufti verkündet. Eil-Anweisungen (von denen jeder weiß, dass sie überhaupt keinen Sinn machen) werden im Blitzverfahren von oben heruntergereicht und müssen asap (!) erledigt werden. Das ist dann der Moment, in dem viele von uns ihr Hirn aus- und ohne Überlegung in den Umsetzmodus umschalten – koste es was es wolle. Dilbert prangert das immer wieder an – aber auszahlen tut sich sein Mitdenken für ihn nie. 😉

Übrigens fällt mir auf, dass Kopflosigkeit in letzter Zeit geradezu aufs Podest gehoben wird: beinahe täglich stoße ich auf Tweets oder LinkedIn-Einträge, die sinngemäß lauten: Die einen reden viel, die anderen machen es einfach! OK: Prokrastinieren und Zerreden ist das eine – sinnlos und ohne Verstand drauflos arbeiten ist das andere. Ich finde, es gibt durchaus hilfreichere arbeitssparendere Einstellungen, zum Beispiel in diesem indianischen Sprichwort: “Setz dich an einen Fluss und warte: Die Leichen deiner Feinde werden schon bald vorüber treiben.”

Wer langsam geht, kommt weit

Egal. Durch operative Hektik bei geistiger Windstille entstehen im Marketing beispielsweise Websites, bei denen erst in letzter Minute vor dem Go Live auffällt, dass noch Blindtext darin steht. Oft werden dann händeringend Texter gesucht, die das Ganze bis vorgestern für lau richten sollen, da das Budget bereits von Layout und Technik verschlungen wurde. Es soll auch immer wieder vorkommen, dass Unternehmensblogs eilig zusammengeklickt und live geschaltet werden, für die es weder ein Konzept noch einen Verantwortlichen gibt. Das ist ungefähr so wie wenn ich ein Baby einfach auf die Füße stelle und sage: Hopp, nun lauf mal los! Unter uns: Ich habe es sogar schon mal erlebt, dass Banner geschaltet wurden, die aus Zeitgründen leider auf keine Website verwiesen. Meine Güte, das passiert halt: Die Kampagne musste schließlich schnell live gehen!

Wo wir schon mal bei dummen Sprüchen sind. Ich glaube fest daran, dass an diesem was dran ist: Wer langsam geht, kommt weit (nein, der ist nicht von Indianern, sondern angeblich aus Afrika). Aber selbst ich als alte Häsin lasse mich  ab und zu noch dazu hinreißen, mich Hals über Kopf in irgendwelche Projekte zu stürzen, ohne deren Sinnhaftigkeit oder Ausgang überhaupt erahnen zu können. Welche Verschwendung von Zeit und Energie! Im Buddhismus würde man wohl mindestens von fehlender Achtsamkeit sprechen.

Aber wozu gleich den Erleuchteten bemühen! Vielleicht helfen im Wahnsinn des Arbeitsalltags schon ein paar einfache Grundsätze, um operative Hektik bei geistiger Windstille zu vermeiden (oder zumindest zurückzudrängen):

  • Zeit nehmen, um die Aufgabe genau anzuschauen (und auch zu hinterfragen)
  • Bei Zweifeln auf jeden Fall einmal drüber schlafen
  • Dann einen Projektplan machen (Aufwand, Ressource, realistische Deadlines, Budget, Beteiligte etc.) und vorlegen
  • Für den Plan einstehen – auch wenn die Zeichen schon auf Sturm stehen
  • Den Mut haben, höflich auf Anzeichen von operativer Hektik bei geistiger Windstille hinzuweisen – auch wenn schon alle anderen losgelaufen sind
  • Wenn alles nichts nützt: Auf Tauchstation gehen, Kurzurlaub nehmen und/oder Dilbert lesen. 🙂

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